Forum Umweltschutz

Moderation: Dr. Turgut Altug

 

Einstiegsreferat: Felicitas Kubala, MdA, umweltpolitische Sprecherin der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen

Nach der Eröffnung des Forums und Begrüßung der Teilnehmenden durch den Moderator legte die Referentin Felicitas Kubala ihre Prioritäten, Auffassungen, Erfahrungen und Überlegungen zu der Thematik „Migrant_innen und Umweltschutz“ dar und nannte ihre entsprechenden politischen Ziele. Eine Zusammenstellung der Inhalte ihres Referates steht den Teilnehmenden in einem von ihr ausgehändigten Paper zur Verfügung.

Felicitas Kubala stellt sich zunächst vor. Als Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses ist sie umweltpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Seit 25 Jahren fühlt sie sich der Umweltpolitik persönlich eng verbunden und ist bei den Grünen dazu aktiv (bzw. bei der Vorläuferin der Grünen, der GAL). Acht Jahre lang hat sie im Bezirksamt Steglitz im Ressort Umwelt, Gesellschaft und Verbraucherschutz gearbeitet, später bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Studiert hat sie BWL, VWL und Erziehungswissenschaften. Sie freut sich über die gegebene Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Umweltgerechtigkeit

Zunächst stellt sie die Frage in den Raum, was integrationspolitischer Umweltschutz sei. Es gehe um den Blickwinkel. Gerechtigkeit spiele eine Rolle. Gibt es bei den Migrant_innen eine besondere Betroffenheit? Sie bezieht sich auf einen Zeitschriftenartikel: "Grün im Namen Allahs" (natur+kosmos, 04/2010), in dem ausgeführt werde, in welcher Hinsicht im Koran ökologisches Bewußtsein zum Ausdruck komme, z.B. in dem Gebot der Mäßigung und Bescheidenheit. Ihr gefällt in diesem Bezug besonders gut das Muster, daß der Alltag Überlegungen zum Handeln aufgebe, eine eigene umweltfreundliche Herangehensweise erfordere und anrege, z.B. wenn Wassermangel zu einem schonenden Umgang mit Wasser bewege oder wie die Pilgerfahrt nach Mekka ökologisch durchgeführt werde.

Einen zweiten Zugang zu der Thematik „Migrant_innen und Umweltschutz“ sieht sie im Zusammenhang mit der im Jahr 2000 in Rio verabschiedeten Lokalen Agenda 21 (LA21). Dort heißt es ausdrücklich, alle gesellschaftlichen Gruppen sollen mitgestalten, insbesondere Frauen, Jugendliche, Migrant_innen u.a.. Alle sollen Leitbilder für Problemlösungen entwerfen. Dieser gesellschaftliche Diskurs betrifft alle, nicht nur Migrant_innen, diese aber eben ausdrücklich auch. „Wir als Gesellschaft“ betont sie, „wünschen uns mehr Mitgestaltung von Migrant_innen“.

Als einen dritten Aspekt der Thematik des Workshops „Migrant_innen und Umweltschutz“ bezieht sie sich auf eine von Unesco und Umweltbundesamt erstellte Studie, in der „Umweltverhalten und -bewußtsein türkischer Migrant_innen in Deutschland“[1] untersucht wurde. Türk_innen sind selbstverständlich nicht die einzigen Migrant_innen in Deutschland. Allerdings stellen sie anteilig die größte Gruppe dar und sind daher für die Einbeziehung einer von Migrations/folgeerfahrungen geprägte Perspektive in die Umweltpolitk sehr wichtig.

Mobilität schwieriger Bereich für die Verhaltensänderung (laut Studie)

In der Studie wurden verschiedene Bereiche untersucht: Verkehr, Müll, Müllentsorgungsunternehmen, Luftverschmutzung u.a.. Das seien Umweltthemen, die direkt berühren, die an im Alltag direkt erfahrbaren Situationen ansetzen. Bei dem Bereich Mobilität und Verkehr z.B. sei die Studie zu dem Ergebnis gekommen, daß türkischstämmige Menschen in Deutschland ungerne auf das Auto verzichten. In dem Punkt ressourcenschonende Mobilität seien sie also schwerer zu erreichen als deutschstämmige. Aber sie verfügen über weniger Pro-Kopf-Wohnraum als der Durchschnitt aller in Deutschland Lebenden.

Ein anderes Ergebnis, zu dem die Studie gekommen sei, ist, daß bei türkischstämmigen Menschen Aspekte wie Geschlecht oder Familienstand viel weniger spezifisch mit bestimmten Meinungen zu umweltbezogenen Themen gekoppelt ist als es bei deutschstämmigen Menschen beobachtet wurde, Altersunterschiede dagegen stärker. Kubala empfiehlt, bei allen Menschen, mit Migrationsbezug oder ohne, zu differenzieren nach Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildung, Lebensstilen, Bewußtseinsstatus, die maßgeblich seien für die Wahrnehmung der eigenen Aktivitäten.

Als vierten Anknüpfungspunkt für ihr Referats-Thema „Migrant_innen und Umweltschutz“ kommt sie noch einmal auf konkrete Phänomene zu sprechen: Luftqualität, Lärm, Abfall. Ein Bewußtsein entstehe, wenn Dinge konkret sichtbar sind. Um die Möglichkeiten für Menschen mit Migrationshintergrund für den Zugang zu Umweltbildung zu verbessern, rät sie zu einer vielfältigen Herangehensweise: Mehrsprachigkeit, Zielgruppendifferenzierung bei der Ansprache und vor allem praktische Projekte, die mit Händen zu fassen sind, bei denen etwas zu sehen ist und die Möglichkeit gegeben ist, etwas selbst zu erleben. Das ist aber allgemein menschlich, nicht speziell migrationsbezogen. Dies gelte auch in der Hinsicht, Kindern möglichst frühzeitig Entsprechendes anzubieten, flexibel an die Sache heranzugehen, Multiplikator_innen auszubilden. Sie unterstreicht die Bedeutsamkeit von Vorbildern.

Eigene Vorteile wie finanzielle Einsparungen bei sparsamer Wasser- und Energienutzung können als Anreiz besonders gut zu umweltschonendem Handeln motivieren, was auch wieder bei allen Menschen gleich sei, mit Migrationsbezug oder ohne. Generell müsse am Lebensalltag angeknüpft werden.

Partizipation: nicht „für“, sondern gemeinsam

Die Grünen möchten nicht für Menschen mit Migrationsbezug, sondern gemeinsam mit ihnen Leitbilder entwickeln. Damit gehe es ihnen um gleichberechtigte Teilhabe. Das bezieht sich z.B. auf Zugang zu Informationen im Bezug auf Rechte, z.B. was Bebauungspläne, Luftreinhaltung oder Abfall betrifft. Wer Informationen bekommt oder sich beschaffen kann, kann z.B. bei Planungsverfahren wirksamer Einwendungen vorbringen, kann aktiv und muß nicht defensiv agieren, kann mitgestalten. Gleichzeitig sei das wieder ein Aspekt, der alle Menschen betreffe, nicht nur Migrant_innen. Dieser Punkt ist gleichzeitig auch ein zentrales Anliegen von Bündnis 90/Die Grünen, die Diskussion darüber und deren Ergebnisse sollen in den Programmprozeß der Grünen einfließen.

„Migrant_innen erreichen“, Kommunikation gestalten, worauf dabei achten, Themen an sie heranbringen.

Wissensvermittlung, Bildung, Informationen sollen so gestaltet sein, daß sie die Menschen da abholen, wo sie sind, damit sie auch gezielt erreicht werden. Kooperation ist ein Schlüsselaspekt für Integration. Das gilt in allen gesellschaftlichen Bereichen, beispielsweise auch für das Kleingartenwesen, das als ein eher geschlossenes System gelte, in dem sich die darin aktiven Menschen schwer täten, sich für bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu öffenen, nicht nur für Migrant_innen, sondern z.B. auch für junge Familien. Darauf nehme das Wahlprogramm auch Bezug.

Ziel ist es, alles für Zusammenarbeit zu öffnen, auch Bürger_inneninitiativen, Uweltverbände, LA21-Gruppen, Landtagsabgeordnete. Migrationspolitik habe noch viel Bedarf und viele Möglichkeiten für Weiterentwicklung. Sie bietet das Gespräch an und erkundigt sich nach Kommentaren, Widerspruch, Fragen. [Ende des Referates.]

 

Im Anschluß an das Referat stellen sich die Teilnehmenden vor und nennen ihre Gründe für ihre Teilnahme an der Runde sowie ihre Erwartungen an die Veranstaltung. Daran schließt sich eine offene Diskussion an.

Konsum und Migrant_innen: vieles ist schon umweltfreundlich

Diskutantin: Die Migrant_innen machen durchaus sehr viel im Sinn des Umwelt- und Naturschutzes. Das wird kaum wahrgenommen. Die Aktivitäten werden auch entsprechend der Sprache bewertet, die dabei benutzt wird. Wird kein Deutsch benutzt, werden sie weniger wahrgenommen oder wenn wahrgenommen, dann weniger wertgeschätzt (akzeptiert), als wenn dabei Deutsch benutzt wird.

Migrant_innen sind nicht dümmer oder hilfsbedürftiger als Nichtmigrierte. Doch diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn regelmäßig die Rede davon ist, sie müßten erreicht und informiert werden, müßten Bildung erhalten. Doch es gibt es hier schon sehr viel Bewußtsein, Kenntnisse und Aktivitäten. Das Türkisch-Deutsche Umweltzentrum Berlin (TDUZ) hat 500 000 Flyer unter die Menschen gebracht. Die Menschen haben zweifellos Kenntnisse und Interesse. Es ist unverständlich, wie das Bild entstanden ist, man erreiche Menschen mit Migrationsbezug mit dem Thema Umweltschutz nicht.

Diskutantin bedankt sich für die Einladung zu diesem Austausch und stellt das Thema Umweltengagement in den Kontext des Alltages. Studium und Erwerbsarbeit nehmen viel Raum ein. Über das ehrenamtliche Engagement hinaus, das je nach Möglichkeit stattfindet, wird nicht unbedingt laut gesprochen. Wenn man etwas erreichen möchte, erscheint Kooperation mit oder Mitarbeit in einer Partei sinnvoll, in inhaltlicher, ideenbezogener wie auch in technischer, infrasturkturbezogener Hinsicht.

Sprachprobleme erschweren Bildungszugang

Es wird festgestellt, daß durch Sprachbarrieren der Zugang zu Informationen und Bildungsinhalten erschwert ist. Informationen können in mehreren Sprachen angeboten und das Erlernen der deutschen Sprache unterstützt werden. Auch dabei kann inhaltlich auf umwelt- und naturschutzbezogene Themen eingegangen werden (s. Projekt „Natur als Zweitsprache“ des TDUZ).

Interkulturelle Öffnung der Umweltverbände: Anerkennung von MSO / Zugang; Potentiale, Ressourcen gehen verloren ? Öffnung des Umweltbereichs, Zusammenarbeit Umweltverbände und Migrant_innen / MSO'en

Diskutant schildert die Erfahrung, daß Menschen mit Migrations/folgeerfahrungen in den Umwelt- und Naturschutzverbänden fast gar nicht repräsentiert sind. Die Verbände sehen es nur in sehr geringem Umfang und nur schleppend als Aufgabe oder Chance, sich für Migrant_innen zu öffnen. Er als türkischstämmige Person hat in Zusammenarbeit mit einem Umweltverband und mehreren Quartiersmanagements (QM's) Schulungen für Multiplikatorinnen zum Thema Heizkostenreduzierung entwickelt und durchgeführt.

Bei ersten Gesprächen waren die späteren Kooperationspartner_innen dieser Projekte kaum für das Vorhaben zu gewinnen. Sie dachten, Migrant_innen verstünden unter keinen Umständen, daß und wie es möglich ist, den Verbrauch von Heizenergie zu verringern und damit auch Kosten zu sparen. Türkischen Frauen trauten sie grundsätzlich nicht zu, sich in diese Thematik einzuarbeiten, die Inhalte weiterzugeben und damit tatsächlich konkret eine Reduzierung von Heizenergienutzung zu erreichen. Daß Frauen mit früheren geringen formalen Bildungsmöglichkeiten hier aktiv sein können, hielten sie für ausgeschlossen. Tatsächlich haben aber Frauen, sogar solche, die wenig Übung im Lesen und Schreiben haben, erfolgreich diese Inhalte des Projektes durchgeführt.

Zugang zu Migrant_innen ist anders, Interkulturelle Kommunikation, Erkenntnisse vermitteln und mit der jeweiligen Kultur verknüpfen

Die Diskutantin unterstreicht, daß es auf die Umgangsweise mit den Menschen ankommt. Beim Anbieten von Informationen und Bildungsinhalten müssen sozio-kulturelle Gewohnheiten (z.B. Höflichkeit, Umgangsgepflogenheiten) der Menschen einbezogen und die Methoden der Vermittlung entsprechend gestaltet werden. Diese Dimensionen sind ein entscheidender Teil der Idee, die Menschen da abzuholen, wo sie sind. Wenn Versuche fehlschlagen, Menschen mit bestimmten Themen zu erreichen liegt es fast immer nicht daran, daß sie kein Interesse hätten, sondern daran, wie sie angesprochen wurden. Menschen mit Themen des Umwelt- und Naturschutzes zu erreichen, geht bei einer Ansprache, die ihren sozio-kulturellen Gepflogenheiten entsprich, viel einfacher als oft gedacht.

Erkenntnisse vermitteln und mit der jeweiligen Kultur verknüpfen, Religion und Umweltschutz

Z.T. geht es darum, Informationen, Wissen anzubieten, zugänglich zu machen. Bei dem zwischenmenschlichen Umgang dabei wie auch bei den Inhalten ist es wichtig, kulturelle und religiöse Aspekte zu berücksichtigen.

Den Migrant_innen keine festen Lösungen anbieten, Partizipation: nicht „für“, sondern gemeinsam

Es ist im Ergebnis mehr zu erreichen, wenn nicht fertige Lösungen vorgeschlagen werden, sondern vielmehr, wenn in tatsächlicher Partizipation gemeinsam Ziele entwickelt werden.

Verbände als Lobbygruppe haben oft geringe Durchlässigkeit - neue Impulse, Netzwerke knüpfen, Kontakte erweitern, neue Perspektiven gewinnen

Diskutant erhofft sich als Trainee eines großen Umweltverbandes von der Teilnahme an diesem Workshop neue Impulse für die Arbeit in dem Verband, Austausch und neue themenbezogene Kontakte.

„Schmoren im eigenen Saft“ bezieht sich nicht nur auf mangelnde Repräsentation von Migrant_innen in dem Umweltverband, sondern allgemein auf eine sehr starke Homogenität der in dem Verband aktiven Menschen. Eine Weiterentwicklung erscheint aus dieser Situation heraus manchmal dringend nötig und gleichzeitig doch nicht durchführbar, jedenfalls erscheint es sehr schwer, Ideen dafür zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Gleichzeitig gibt es doch auch Lichtblicke, z.B. eine im Entstehen begriffene Ortsgruppe Kreuzberg, die kulturell vielfältig ist. Der Aufbau einer Ortsgruppe an sich ist vielerorts schon eine strukturelle Veränderung. Sie ist hilfreich, wenn es um Kontakte und Austausch vorort geht.

Interne Probleme der Umweltverbände (Altersstruktur)

Die Aufmerksamkeit wird noch einmal auf die Umweltverbände gerichtet. Sie haben nicht nur das Problem, daß Menschen mit Migrationsbezug mit ihren Kenntnissen und Potentialen hier unterrepräsentiert sind, die Altersstruktur und die Nachwuchssituation stellen sich den Verbänden z.B. auch als Probleme dar. Es gibt den Wunsch, die Verbände mögen sich in mehrerlei Hinsicht öffnen, doch tatsächlich gangbare Wege dafür scheinen nicht in Sicht. Wie könnte das „Schmoren im eigenen Saft“ überwunden werden?

Der in einem Verband aktive Diskutant möchte mit der Teilnahme an dem Workshop einen Schritt in Richtung Lösung machen: etwas zum Thema erfahren und Kontakte knüpfen. Er ist gekommen, weil er es unterstützen möchte, wenn die integrationspolitische Perspektive im Umwelt- und Naturschutz auch in einer Partei Thema ist. In Deutschland gibt es ja nicht nur zahlreiche Kulturen, was die Migration über Staatsgrenzen hinweg angeht. Auch im Hinblick auf Lebensstile besteht große Vielfalt. Allgemein besteht auf dem Gebiet des Umweltschutzes die Notwendigkeit, das anzuerkennen und einzubeziehen, und eine Öffnung in diesem Sinn zu bewerkstelligen.

Öffentlichkeitsarbeit verbessern

Eine Diskutantin bezieht sich auf die Ausführungen, daß umweltschutzbezogene Aktivitäten von Menschen mit Migrationsbezug wenig bekannt sind. Sie fragt, ob das nicht eine Folge fehlender Öffentlichkeitsarbeit sein könnte. Solche empfiehlt sie mit dem Verweis darauf, daß daraus möglicherweise auch ein verbesserter Zugang zu Fördergeldern resultieren kann. Der Diskutant aus dem Umweltverband weist darauf hin, daß der Verband über Material, Infrastruktur und Kenntnisse verfügt, die bei Kooperation mitgenutzt werden könnten. Das bezieht sich z.B. auf Öffentlichkeitsarbeit oder auf Unterstützung bei der Gründung von Bezirks-/Ortsgruppen durch die Landesgeschäftsstelle (Vernetzung und Zusammenarbeit unterstützen).

Stellenwert des Umweltschutzes in der Gesellschaft

Die Referentin relativiert, daß Umweltschutz gesellschaftlich allgemein kein Thema mit besonders hohem Stellenwert ist. Gleichzeitig kann man doch feststellen, daß das Thema allmählich mehr Gewicht gewonnen hat, das Umweltbewußtsein immerhin langsam gewachsen ist, wofür sich die Grünen seit jeher stark eingetreten sind.

Bildung, Gesundheit, Integration

Die Aspekte Bildung, Sprachschwierigkeiten und andere Hemmnisse sind Punkte, die für viele Themen zutreffen, nicht nur für den Bereich Umweltschutz, so z.B. auch für das Gesundheitswesen. Grundsätzlich bestehe die Notwendigkeit Infomaterial anzubieten, zielgruppendifferenziert und -gerecht an verschiedene Gruppen heranzugehen.

Sprachprobleme erschweren Bildungszugang

Es wird festgestellt, daß durch Sprachbarrieren der Zugang zu Informationen und Bildungsinhalten erschwert ist. Informationen können in mehreren Sprachen angeboten und das Erlernen der deutschen Sprache unterstützt werden. Auch dabei kann inhaltlich auf umwelt- und naturschutzbezogenen Themen eingegangen werden (s. Projekt „Natur als Zweitsprache“ des TDUZ).

Klimaschutz hat gesellschaftliche Akzeptanz

Das Thema Klimaschutz habe in Deutschland inzwischen gesellschaftliche Akzeptanz, während es international erst allmählich ankomme. Ein qualitativ neuer Schritt sei der Ansatz „nicht für Euch“ sondern „wir zusammen“. Alte eingefahrene Strukturen sind ja oft wenig beweglich (Stichworte: wichtige Lobbygruppen, Bildung, Dynamik). Eine Diskutantin lenkt den Blick auf die Gestaltung von Leitbildern. Z.B. könnte es um eine Neudefinition der Ideen von Reichtum wie auch z.B. von Entwicklung gehen. Die Frage „Wer macht Leitbilder?“ gibt in der Diskussion Anlaß zu Feststellungen in verschiedene Richtungen. 

Öffentlichkeitsarbeit verbessern, Rolle der Medien:  sie einbeziehen, Umweltthema einbeziehen, Verantwortung der Industrieländer als Vorbilder im Klimaschutz

So geht es z.B. um Bilder von Wohlstand in Deutschland, die Menschen z.B. in Afrika über Medien kennenlernen: Autos, Autobahnen, moderne Gebäude, das wird in Medien als Wohlstand dargestellt. Dabei könnten z.B. Umweltschutz, weniger Autos, mehr Arbeit im Grunde vielleicht bessere Indikatoren für Wohlstand sein. Ein Diskutant bringt den Begriff der Fairness in die Diskussion. Appelle an Menschen z.B. in Afrika, weniger Autos zu besitzen, wird auch als ein Zementieren von Armut und Rückständigkeit erlebt. „Ihr seid arm und dumm, ihr sollt weniger Autos haben“.

Öffentlichkeitsarbeit verbessern, Rolle der Medien:  sie einbeziehen, Umweltthema einbeziehen

Die einflußreiche Rolle der Medien wird unterstrichen (Stichworte: Europa, Wohlstand, Industrie). Es wird noch einmal betont: Vorbilder sind sehr wichtig. Medien sind sehr wichtig, auch ethnische, verschiedene migrantenspezifische Medien.

Beteiligung Aller am Entwerfen und Formulieren von Leitbildern fördern

Die Referentin erinnert daran, daß es doch in der Bevölkerung in Deutschland eine Vielfalt an Lebensstilen und an Leitbildern gibt und wirbt dafür, letztere aktiv mitzugestalten!

 

Weitere Stimmen:

Migrant_innen konsumieren oft sehr umweltschonend. Sie könnten durchaus mal eine Kampagne für alle in Deutschland machen.

Der Moderator schlägt vor, den Blick auf die Frage zu richten, ob Umweltgerechtigkeit eine relevante Perspektive ist für die Integration von mehr migrantischen Perspektiven in die Grüne Umweltpolitik.

Auf der globalen Ebene wird wohl niemand leugnen, daß dieses Thema eine enorme Rolle spielt, z.B. bei den Lasten des Klimawandels und für Klimaflüchtlinge.

Umweltgerechigkeit ist ein gesellschaftliches Querschnittsthema - oder sollte es zumindest sein.

Ist Umweltschutz ein Beitrag zur Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit?

Umweltschutz ist Luxusthema

Umweltschutz ist Luxus. Bio-Lebensmittel sind teuerer als konventionelle, auch sparsame Autos sind sehr teuer.

Bessere Vermittlung der Rolle des Umweltschutzes als Beitrag zur Gerechtigkeit

Es wird auf eine in Kooperation mehrerer Organisationen (Umweltverbände u.a.) erarbeitete Broschüre hingewiesen: Mehr Gerechtigkeit durch Umweltschutz.

Umweltschutz als Beitrag zu späterer Gerechtigkeit (zum Ziel späterer Gerechtigkeit)?

Eine Diskutantin plädiert dafür, das Thema Gerechtigkeit beim Werben für umweltschonendes Handeln hinzuzuziehen. Es kann die Motivation zu umweltschonenderem Handeln unterstützen. Sie führt das Beispiel Papier an: So ist das Verwenden von konventionellem weißem Papier nicht nur für Boden, Tiere, Luft belastend, sondern hat auch für die Menschen in den Ländern, wo es produziert wird, Gesundheitsschäden zur Folge, während Recycling-Papier die Menschen von den gesundheitsschädigenden Einflüssen verschont. Auch z.B. für Schnittblumen könnte man dies ausführen und für weitere andere Beispiele.

Empathie wirkt bei vielen Menschen motivierend, wenn Reflektionen über Zusammenhänge stattfinden: wie jede_r selbst lebt, wie die Lebensumstände für Menschen auf der Südhalbkugel sind. Die eigene Beiträge können eingeordnet werden, die Problematik in einem weiteren Kontext gesehen werden.

Wie verhält es sich aber, wenn das Thema Umweltgerechtigkeit auf Deutschland bezogen betrachtet wird?

Diskutantin warnt davor, von bestimmten äußerlichen Merkmalen auf soziale, ökonomische oder kulturelle Situationen von Menschen zu schließen. So gibt es Schwarze in Deutschland, die in Afrika aufgewachsen sind und jetzt in Deutschland leben, aber es gibt, was oft übersehen wird, auch Schwarze in Deutschland, die noch nie in Afrika waren und sich als Deutsche verstehen. Auch gibt es Schwarze, die in Afrika aufgewachsen sind und nie in Armut gelebt haben usw.. Das sollte auch bedacht werden, wenn Überlegungen zum Thema Umweltgerechtigkeit angestellt werden.

Bessere Vermittlung der Rolle des Umweltschutzes als Beitrag zur Gerechtigkeit

Gerechtigkeit wird nicht die Welt retten. Gleichzeitig ist es positiv, wenn es mehr grüne Flächen gibt, die Menschen sich dort treffen können, das ist förderlich für das Selbstbewußtsein und auch für die Wahrnehmung der Umwelt. Das Thema Gerechigkeit ist wichtig, doch sollte man gleichzeitig dabei aber auch gelassen bleiben. Niemand kann ihren/seinen bisherigen Lebensstil von jetzt auf gleich total verändern.

Umweltschutz = Verzicht? / Umweltschutz ist Luxusthema

Diskutant findet, Naturschutz/Umweltschutz sind nicht unbedingt Luxus. Umweltschonendes Handeln ist nicht selten kostengünstiger als umweltbelastendes. Etliche Menschen empfinden es auch als angenehmer, z.B. ÖPNV zu benutzen als Auto fahren zu müssen.

Viele Menschen sind für Wohlstand migriert, haben alle ihre Anstrengungen darauf verwandt. Da ist Verständnis für Verzicht nicht ohne weiteres zu erwarten, z.B. wenn jemand immer dafür gearbeitet hat, einmal ein Auto zu haben. Die individuellen Werdegänge und Lebensumstände sollten zur Kenntnis genommen werden bei der Konzeption von Zielen der Umweltpolitik.

Es fällt der Vorschlag, die Frage nach dem Zusammenhang von Umweltgerechtigkeit und Migrationsbezug auf Berlin bezogen zu erörtern. Ist das für Berlin eine integrationspolitische Frage? Man könnte z.B. die Themen Luftverschmutzung, Lärmbelastung, gesunde Ernährung näher betrachten. Sind das spezifisch integrationspolitische Themen?

negative Umwelteinflüsse auf die Einwohner_innenschaft als Einkommensfrage

Migant_innen als einkommensschwache Gruppe, deshalb weniger Konsum, Urlaub, Auto

Es wird die Ansicht vertreten, daß es es sich hier um einen sozio-ökonomischen Aspekt handelt, der nicht zwingend an Migrationsbezug gebunden ist. So ist das Wohnen an einer lauten Straße für diejenigen Menschen eine Zwangssituation, die aufgrund eines geringen Einkommens nicht an einen ruhigeren Ort ziehen können, egal, unabhängig davon, ob sie nun Migrationshintergrund haben oder nicht.

Einkommensschwache Menschen konsumieren weniger, haben seltener ein Auto, verreisen seltener. Das trifft für Migrant_innen genauso zu. Diese relativ umweltschonendere Seite wird aber selten benannt und berücksichtigt.

Migrantische altbekannte Beiträge benennen, damit gestalten, das mitgebrachte Wissen annehmen, offen sein

Anhand des Themas Ernährung richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Aspekte „Zugang zu Wissen“ und „Anerkennung von mitgebrachtem Wissen“. Auch das Phänomen unterschiedlicher Benennungen für ein und dieselbe Sache wird thematisiert. Mit dem Begriff „bio“ können viele Menschen nichts anfangen. Es sind aber z.B. Menschen nach Berlin gekomen, die im ländlichen Raum aufgewachsen sind und bezüglich Landwirtschaft und Ernährung hauptsächlich mit dem gelebt haben, was mit „bio“ landläufig gemeint ist. Viele haben umfangreiche Kenntnisse auf diesem Gebiet, während das Wort „bio“ ihnen nichts sagt. Es wäre sehr wichtig, das zu sehen, anzuerkennen und zu nutzen! Statt ihre mangelnde Erreichbarkeit zu beklagen, könnte man diese Menschen um Rat und Unterstüztung bitten, sie zu Wort kommen lassen.

Untersuchungen wie die Studie, auf die im Eingangsreferat Bezug genommen wurde, sind immer nur ein Ausschnitt aus der gesamten Wirklichleit und so zwangsläufig vereinfachend, lückenhaft oder einseitig. Vielleicht können sie aber als Aufhänger für Kommunikation über das Thema dienen.

neue Impulse, Netzwerke knüpfen, Kontakte erweitern, neue Perspektiven gewinnen, das mitgebrachte Wissen annehmen, offen sein; Wie ist der status quo?

Der Wert von Kontakten, Kommunikation, Austausch wird nachdrücklich unterstrichen. Offenheit auf allen Seiten wird empfohlen, um auch positive Dinge kennenlernen zu können, die man bisher noch nicht wußte und kannte.

Gesunde Ernährung und kulturelle Unterschiede, Ernährung und Klimawandel

Es wird das Thema angeschnitten, ob verschiedene kulturell stark verankerte Gewohnheiten mit übergeordneten Themen der Grünen Politik verbunden werden können, z.B. „gesunde Ernährung“. Die Referentin vertritt die Ansicht, es gebe wissenschaftliche Erkenntnisse wie z.B. die Vorteile kurzer Transportwege oder die Problematik von Fleischkonsum, die als state of the art nicht in einer übertriebenen und indifferenten open mindedness und falschverstandenen Offenheit gegenüber traditionellen Ernährungskulturen hintan gestellt werden können.

Konsum und Migrant_innen: vieles ist schon umweltfreundlich

Ein Diskutant weist darauf hin, daß z.B. in den traditionellen türkischen Küchentraditionen pflanzliche Nahrungsmittel einen hohen Stellenwert haben und Überzeugungsarbeit dafür überflüssig ist. Die Kenntnisse von migrantischen Leuten zu gesunden Ernährungsgewohnheiten können als Ausgangspunkt für Ernährungsberatung quer zu Kulturbezügen dienen und es wäre wünschenswert, daß das mehr geschehen würde.

Wenn Aktivitäten in Gemeinschaft, in Gruppen stattfinden, sind sie oft umweltschonender als bei Individualisten. So ist das Benutzen einer Plastiktüte für einen großen Familieneinkauf relativ gesehen pro Kopf weniger uweltbelastend als wenn die gleiche Anzahl von Personen Plastiktüten für Ein-Personen-Einkäufe verwenden. Solche von Menschen mit Migrationsbezug häufig ausgeübten relativ schonenderen Praktiken werden selten berücksichtigt.

Wie ist der status quo?

Auf jeden Fall wäre es empfehlenswert, gegenseitig allmählich mehr und mehr die tatsächlichen Praxen und Gewohnheiten kennenzulernen, sie zu benennen und wertzuschätzen, Gutes zu pflegen und auf diesem Gebiet das Gute zu unterstützen, wo dafür Bedarf sein könnte. Es tritt die Frage auf, wie man damit umgehen kann, wenn stark verankerte kulturelle Gewohnheiten aus abendländischer Sicht als nicht umweltschonend erscheinen.

Doch selten sind diese beiden Perspektiven tatsächlich völlig kontrovers. Vielmehr ist es oft möglichl, ja im Grunde unumgänglich, Empfehlungen für umweltschonendes Handeln mit kulturellen Werten und Gewohnheiten zu verbinden. Es wird noch einmal das starke Bedürfnis geäußert, daß das oft klar ausgeprägte und kulturell eingebundene Umweltbewußtsein und die damit verbundenen Kenntnisse und Praxen gesamtgesellschaftlich gesehen (wenigstens bei Umweltschutzinteressierten) anerkannt, wertgeschätzt und, falls nötig, unterstützt werden.

Religion und Umweltschutz

Bezugnahme auf religiöse Inhalte kann beim Werben für umweltschonendes Handeln sinnvoll sein. So gibt es z.B. im Islam das Gebot der Mäßigung, Verschwendung wird als sündhaft betrachtet. Den Mitmenschen, der Natur, den Ressourcen gegenüber soll nach dem Islam eine respektvolle Haltung leitend sein.

Bei Bemühungen, Menschen zu umweltschonenderem Handeln zu bewegen, kommt es sehr auf die Art und Weise an, wie etwas vermittelt wird. Eine Aufforderung zu Verzicht ruft nicht selten eher Widerstand hervor. Wissen ist oft auch schon vorhanden, das tatsächliche Tun dagegen fällt uns oft schwer. Da gilt es zu unterstüzten und zu vermitteln, daß jeder Anfang wertvoll ist, ein Anfang immer möglich ist. Schritt für Schritt kann es immer besser werden.

Umweltschutz ist Luxusthema / Umweltschutz = Verzicht?

Die gesamtgesellschaftliche Perspektive sollte herangezogen werden! Umweltschutz wird in Verbindung gebracht mit Verzicht, Luxus, Gerechtigkeit, dem Individuum. Doch verursachen beispielsweise konventionell produzierte Nahrungsmittel, agressive, umweltschädigende Putzmittel, Energiegewinnung durch Öl oder Kohle oder der motorisierte Verkehr Gesundheitsschäden, für deren Behandlung Einzelne oder die Gemeinschaft aufkommen müssen. Diese Kosten müssen in die Bewertung dieser Vorgehensweisen einbezogen werden! Bio ist in volkswirtschaftlicher Perspektive günstiger.

Umweltschutz und gesamtgesellschaftliche Integration sind Querschnittsthemen, d.h. Themen, die in allen gesellschaftlichen Bereichen berücksichtigt und verwirklicht werden sollen.

Es sind weitere Treffen zu diesem Thema geplant.

 

Protokoll: Andrea Geldner


Fotos: Hanna Prenzel

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