Forum Religionen im säkularen Berlin

Moderation: Britta Marschke, Bettina Jarasch; ca. 30 Teilnehmer_innen

 

1) Input Canan Bayram:

Religion wird da zum Thema der Politik, wo Religion nicht nur Privatsache ist, sondern sichtbar wird: Kopftuch, Gebetsräume in Schulen, Moscheebauten usw.

Das Grundgesetz formuliert keine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat, es gibt Unterschied zwischen dem säkularen Staat und dem laizistischen Staat (=vollständige Trennung wie in Frankreich). Die Religions-Privilegien des Grundgesetzes sind nur Körperschaften (z.B. Kirchensteuereinzug) bzw. anerkannten Religionsgemeinschaften (z.B. Religionsunterricht nach Art. 7, Abs. 3, GG) zugänglich. Es gibt alte Rechte der christlichen Kirchen, die evtl. neu bewertet werden, wenn sie jetzt auch anderen (Islamgruppen) zugute kommen sollen.

Negative Religionsfreiheit – also das Recht, ohne Religion zu leben - ist auch ernst zu nehmen. Bei Religionskritik (Islamkritik) ist umgekehrt zu beachten, dass die positive Religionsfreiheit nicht verletzt wird.

 

2) Diskussion in Kleingruppen

Gruppe I (Moderation: Britta Marschke)

Was läuft gut in der Stadt?

  • Autonomie der Religionsgemeinschaften ist garantiert
  • Offenheit
  • Ethiklehrer_innenausbildung
  • Volksbegehren Pro Reli hat Debatte und Interesse an Religionen / Ethik bewirkt

 

Was läuft noch nicht so gut?

  • Vorurteile gegenüber dem Islam
  • Lehrer_innen für verschiedene Konfessionen fehlen
  • Jüdisches Leben ist zu wenig sichtbar
  • Selbstkritik der Muslim_innen und anderer Religionsvertreter_innen oft zu schwach ausgeprägt
  • Toleranzschwelle vieler Muslim_innen ist sehr niedrig
  • Religionsgemeinschaften greifen Kritik selten auf, geben zu wenig Anstöße
  • Religionsgemeinschaften versuchen, nicht religiöse Bereiche religiös zu bestimmen
  • Privilegien für Religionsgemeinschaften (wenn Religionsgemeinschaften Privilegien in Anspruch  nehmen, müssen sie sich trotzdem allgemeinen Gesetzen unterwerfen und Reformen einleiten, z.B. Gleichstellung von Frauen und Männern)
  • Wissen über und Interesse an Religionen könnte größer sein

 

Was sollte verändert werden?

  • Ethikunterricht in den Kiezen anbieten, um Gemeinsamkeiten der Religionen und Weltanschauungen vor Ort zu klären
  • Innerislamischen Dialog stärken
  • Interreligiösen Dialog ausbauen – Begegnungen anstiften
  • Aufklärung intern und extern fördern
  • Religion sollte als Teil der Bildung verstanden werden
  • Religionskunde in den Ethikunterricht aufnehmen

 

Was können wir tun?

  • Fairer Umgang miteinander, einander ernst nehmen, ausgestreckte Hände annehmen
  • Wettbewerbsnachteil reformorientierter moderner islamischer Gruppen ausgleichen durch staatliche „Anschubfinanzierung“ überkonfessioneller islamischer Gemeindezentren

 

Was sollen die Grünen tun?

  • Ängste abbauen durch Presse und Öffentlichkeitsarbeit, gegen Islamophobie Stellung beziehen
  • Plattformen für plurale Meinungen ermöglichen durch Veranstaltungen
  • Kriterien für Dialog entwickeln: Mit wem rede ich?

 

Gruppe II (Moderation: Bettina Jarasch)

Die Kleingruppe setzte sich mit verschiedenen Themen auseinander, die sich unter folgenden Stichpunkten zusammenfassen lassen:

 

Säkularismus ist nicht neutral

Verschiedene religiöse Teilnehmende betonten, dass Nichtgläubige innerhalb der öffentlichen Debatte um Religion keine „neutrale“ Position beziehen. Je aktiver (oder gar aggressiver) sie eine atheistische Haltung einnehmen, desto stärker beziehen sie eine anti-religiöse Stellung, deren sie sich stärker bewusst werden sollten. Viele Atheist_innen wollen, dass Religion ausschließlich im Privaten stattfinden soll. Aber nicht nur religiöse Menschen greifen – durch sichtbare religiöse Symbole – in das Leben der nicht religiösen ein. Letztere beschränken mit der Forderung „Religion ins Private“ auch die Art und Weise, wie Menschen ihren Glauben leben können.

Nicht religiöse Menschen begegnen Gläubigen häufig mit Befremden und zeigen sich intolerant. Eine protestantische Teilnehmerin beklagte, sie habe insbesondere unter Grünen oft das Gefühl, sich für ihren Glauben rechtfertigen zu müssen. „Ich bin Christin und emanzipierte Frau und ich bin nicht schizophren. Das geht.“ Eine breitere Auseinandersetzung mit Konzepten der Vielfalt (Diversity) sei unter den Grünen unbedingt notwendig, um mit Religionsfragen offener umzugehen.

 

Im Dialog praktische Lösungen finden

In der Gruppe bestand Einvernehmen darüber, dass an manchen Stellen öffentliche und religiöse Ordnung in Konflikt geraten. Die Gesellschaft muss hier einen Dialog über Grenzen führen und vor allem Ausschau nach praktischen Lösungen halten. Als Beispiel diskutierte die Gruppe den schulischen Schwimmunterricht für muslimische Mädchen. Die Schule solle Brücken bauen mit dem Ziel, dass die Mädchen schwimmen lernen – egal wie. Ein arabischer Vater schlug vor, dass Schulen auch Bescheinigungen über privaten, getrennt geschlechtlichen Schwimmunterricht akzeptieren sollten. Diese Kompromissfähigkeit müsse in beide Richtungen funktionieren. Beispielsweise forderte ein Teilnehmer, dass bei der Terminierung der Landesjugendspiele der Ramadan beachtet werde. Dass Angestellte im öffentlichen Dienst in Berlin kein Kopftuch tragen dürfen, fanden viele Teilnehmer kontraproduktiv.

 

Das Verhältnis von Staat und Religion

Wie können die Muslim_innen in Deutschland den christlichen Kirchen rechtlich gleichgestellt werden? Die Gruppe diskutierte zwei Wege: Einerseits die Abschaffung der Privilegien, die der deutsche Staat Religionsgemeinschaften einräumt, die er als Körperschaft des öffentlichen Rechtes anerkennt. Dass ein Staat beispielsweise Gelder für die Kirche eintreibe, sei eine sehr deutsche Lösung und weltweit nicht üblich. Die Gegenseite argumentierte, man sollte das Kind nicht mit dem Bad ausschütten und eher daran arbeiten, dass muslimische Religionsgemeinschaften als Körperschaft anerkannt werden. Religionsgemeinschaften und Kirchen übernehmen wichtige Funktionen in der Gesellschaft, die im Interesse des Staates liegen.

 

Religiöser Pluralismus als Kommunikationsproblem

Scheinbar religiöse Themen sind häufig soziale oder kulturelle. Ein Teilnehmer führte die Zwangsheirat als ein Beispiel an. Sie habe nichts mit dem muslimischen Glauben zu tun, sondern sei ein kulturelles Problem. Um Missverständnisse über Religionen zu vermeiden, müsse vor allem mehr kulturelle Bildung stattfinden. Muslime wüssten oft viel mehr über das Christentum und seine Bräuche als umgekehrt.

 

Protokoll: Jenni Winterhagen, Dirk Jordan

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