Moderation: Fatos Topaç, Bettina Jarasch; ca. 40 Teilnehmer_innen
1) Input: Özcan Mutlu
Schulstrukturreform:
Die Grünen haben die Reform mit angestoßen und wollen langfristig auf Gemeinschaftsschulen umstellen. Die Reform ändert das bisherige dreigliedrige Schulsystem, künftig wird es zwei Säulen geben, die beide bis zum Abitur führen. Eine in 12 Jahren (Gymnasium), eine in 13 Jahren (integr. Sekundarschule). Keine Schule soll mehr in die Sackgasse führen, wie es bisher bei der Hauptschule oft der Fall ist. Grüne Kritik an der Reform, wie sie von rot-rot beschlossen wurde, zielt auf das Probehalbjahr, Sitzenbleiben und Abschulen. Auch die Klassengröße von 25 Schülern wird kritisch betrachtet, weil bisherige Klassen an Hauptschulen mit 18 Schülern bereits ausgelastet sind. Dringend nötig sind auch mehr Sozialarbeiter_innen an den Schulen und eine bessere Elternarbeit. Außerdem fehlt ein Reformprozess an den Gymnasien.
Interkulturelle Kompetenz, Anforderungen an Lehrerausbildung:
Die Schule von heute ist immer noch monolingual geprägt. Den Lehrer_innen fehlen Wissen und Werkzeuge der interkulturellen Kompetenz, sie können auf Veränderungen in der Schülerschaft nur unzureichend reagieren. Die Grünen fordern, die Lehrer_innenausbildung zu reformieren mit den Schwerpunkten individuelle Förderung und interkulturelle Kompetenz, sowie die Rahmenlehrpläne dementsprechend anzupassen (Beispiel Kreuzzüge).
Die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan nach türkischen Gymnasien lehnen die Grünen ab, da Schule nicht nach Herkunft trennen soll.
2) Anschließend Diskussion in wechselnden Gruppen mit den Leitfragen: Welche Probleme gibt es vor Ort? Welche Lösungsansätze sind viel versprechend und welche Akteur_innen sind dafür jeweils nötig? Die diskutierten Themen lassen sich unter folgenden Überschriften zusammenfassen:
Welche Rolle spielt die Muttersprache für den Spracherwerb?
Einigkeit bestand darüber, dass Sprache zentral ist – nicht nur als Lernziel, sondern im Schulalltag. Sprachprobleme stigmatisieren und isolieren. Kinder, die gerade auch ihre Gefühle gut ausdrücken könnten, seien ruhiger und selbst bewusster.
Diskussionsbedarf bestand darüber, welche Rolle die Muttersprache für ein Einwandererkind für den deutschen Spracherwerb spielt. Sollte das Kind zuhause nur die Muttersprache sprechen und diese gut erlernen, um eine gute Grundlage für das Deutsche zu haben? Oder sollte es so früh und wie viel wie möglich Deutsch sprechen? Welche Rolle sollte die Muttersprache in der Schule spielen? Zwar kann es die Schule nicht leisten, Unterricht in allen Einwanderersprachen anzubieten, Sprachen großer Gruppen wie z.B. Türkisch sollten jedoch einen höheren Stellenwert erhalten.
Mehrere Teilnehmende verwiesen auf Studien, die zeigten, dass Kinder, die eine Sprache gut beherrschen, diese Kompetenz nutzen können, um leichter eine andere Sprache zu lernen. Viele Teilnehmer_innen wünschten sich deshalb auch mehr zweisprachige Kitas und Schulen. Die Wirtschaft ist ein wichtiger Faktor bei der Schulsprachenwahl bzw. bei der Bewertung von Sprachen, das sollte gezielter genutzt werden. Mehrsprachige Vorbilder müssen stärker an den Schulen verankert werden, neben dem Lehrkörper gilt das z.B. auch bei der Zusammenarbeit mit Freien Trägern, der Einbindung der Eltern in den Schulgremien und dem Schüler_innenparlament. Hierfür müssen sich die Schulen (deutsch- und mittelschichtdominiert) sichtbarer als bisher öffnen und Zugänge für andere Eltern schaffen.
Es muss gezielte Deutschförderung für diejenigen Schüler_innen geben, die tatsächlich Förderbedarf haben. Dieser Bedarf sollte sich an den Sprachstandserhebungen orientieren, nicht am Migrationshintergrund. Eine Teilnehmerin beklagte sich, dass Schulen Mittel für den Förderunterricht für den regulären Unterricht verwenden und zusätzliche Mittel über das Quartiersmanagement beantragen, um den Förderunterricht zu finanzieren. Der Förderunterricht darf keine „Kür“ sein.
Ganztagsschulen sind kein Allheilmittel: die Rolle der Eltern
Eine Lehrerin beklagte, dass hohe Erwartungen auf die Ganztagsschule gerichtet werden. Diese sind aber kein Allheilmittel. Dringend notwendig sei in Schulen, in denen Kinder sich von morgens bis abends aufhalten, Räume zum Rückzug und der Stille zu schaffen. Es sei für die Kinder anstrengend, den ganzen Tag in der Schule zu sein, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zurückzuziehen und das Erlernte zu verarbeiten.
Darüber hinaus wurde diskutiert, dass die Schule die Wirkung von an der Bildung ihrer Kinder interessierten Eltern nicht ersetzen kann. Andererseits wurde auch gesagt, dass man manche Eltern schwer oder nicht erreicht. Erwachsenenbildung und Förderung der Eltern kommt langfristig den Kindern zugute; Eltern müssen für sich selbst Perspektiven entwickeln und sich auf den Weg machen, um ihren Kindern helfen zu können. Entscheidend ist dabei die Haltung der Eltern, nicht ihre Sprachfähigkeit.
Die „richtige Mischung“ ist die Mischung von Sprachkenntnissen
Nicht Kriterien wie der Migrationshintergrund oder die Staatsbürgerschaft sind wichtig, um eine gute, also integrative Mischung zu erreichen, sondern die Sprachkenntnisse der Kinder. Konkreter Vorschlag war, nicht mehr den Anteil der Schüler_innen nicht deutscher Herkunftssprache (NDH-Anteil) als Grundlage zu benutzen, um das Förderangebot in der Schule zu bestimmen, sondern den tatsächlichen Sprachstand der Kinder. Dieser könnte auch die Veröffentlichung der NDH-Daten ersetzen. Auf alle Fälle sollten die Schulen nicht mehr den NDH-Anteil in ihrem Profil angeben, das führt zu Diskriminierung und häufig auch zu falschen Bewertungen von eigentlich guten Schulen. Der Migrationshintergrund der Schüler_innen sei nur relevant, wenn er Ausdruck einer konkreten Lebenssituation ist (z.B. bei Flüchtlingsfamilien)
Wie lernen Lehrer_innen? Vom Defizit- zum Kompetenzansatz
Teilnehmer_innen sprachen an, welch große Bedeutung Vorbilder aus der eigenen „Community“ für Kinder haben. Auch deswegen sei die Rekrutierung von Lehrer_innen mit entsprechenden Hintergründen sehr wichtig. Entscheidend sei jedoch nicht die Bilingualität der Lehrer_innen, sondern eine Haltung der Wertschätzung und des Respekts gegenüber allen Eltern und Kindern. Eltern beklagen, dass die Herkunft der Eltern den Umgang der Lehrer_innen mit den Schüler_innen bestimmt und damit Kinder aus Einwandererfamilien diskriminiert werden.
Die Lehrer_innen müssten statt eines auf mögliche Defizite fixierten Blicks einen an den jeweiligen Kompetenzen orientierten Blick entwickeln (dabei geht es auch um die Kompetenzen der Eltern, die für den Lernprozess der Kinder unerlässlich sind). Die Frage, ob zu diesem Zweck interkulturelle Trainings für Lehrer_innen sinnvoll sind, wurde skeptisch betrachtet. Einmalige kurze Trainings können nicht langfristige Verhaltensmuster ändern. Wichtiger ist es, dass Lehrer_innen Zeit zur Reflexion der eigenen Arbeit und den dazu notwendigen Austausch im Kollegium haben. Lehrer_innen müssten sich von ihrem Rollenverständnis als Einzelkämpfer_innen verabschieden; die beste Fortbildung geschehe in gemischten Teams. Generell gehe es bei interkultureller Kompetenz vor allem um Unsicherheitstoleranz und die Fähigkeit, mit Unterschiedlichkeiten produktiv umzugehen. Diese Kompetenz müsse bei der Lehrer_innenausbildung systematisch vermittelt werden. Außerdem sollten Lehrer_innen für die Sprachförderung im Rahmen des Fachunterrichts entsprechend weiterqualifiziert werden.
Zusammenarbeit mit freien Trägern
Die Öffnung der Schulen und die verstärkt kommende Zusammenarbeit der Ganztagsschulen mit freien Trägern wurde grundsätzlich begrüßt. Kritisch angemerkt wurde allerdings, dass Kinder klare Regeln und Strukturen brauchen, die sich nicht ständig ändern sollten. Deswegen sollte nicht mit zu vielen Trägern und mit diesen kontinuierlich zusammengearbeitet werden. Außerdem sollten die Angebote freier Träger nicht genutzt werden, um Unterrichtsausfälle oder andere Lücken im Schulsystem zu stopfen. Sie sollen vor allem die Perspektiven der Kinder bereichern (durch emotionales Lernen, Kreativität, Einblick in Lebenswelten usw.). Eventuell können Kindern durch die Zusammenarbeit mit freien Trägern auch gezielt Mentor_innen aus ihrer eigenen „community“ vermittelt werden, die als Vorbilder geeignet sind.
Kitas, Grundschulen, weiterführende Schulen verschränken
Um Kitas und Grundschulen besser zu verschränken, wurde ein Übergabegespräch zwischen Lehrer_innen und Erzieher_innen vorgeschlagen. Dabei können die Sprachlerntagebücher, aber auch die individuellen Kompetenzen der Kinder eine Rolle spielen. Außerdem wurde angemerkt, dass die weiterführenden Schulen von den Grundschulen viel lernen könnten über individuelle Förderung sowie den Umgang mit Heterogenität, denn entsprechende Lehr- und Lernmethoden seien in den Grundschulen häufig schon erprobt.
Mehr Ausbildungsplätze für Jugendliche
Jugendliche haben zunehmend mehr das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Auf dem Arbeitsmarkt werden sie diskriminiert. Der sich abzeichnende Fachkräftemangel kann allerdings eine Chance für Jugendliche aus Einwandererfamilien sein. Perspektiven und konkrete Ausbildungsinitiativen müssen gemeinsam mit Kammern und Unternehmer_innenverbänden und anderen Akteur_innen vorangetrieben werden. Außerdem wurde eine verbesserte Anerkennung von im Ausland erworbenen Schul- und Berufsabschlüssen gefordert. Die Gesellschaft verschwende ansonsten Potentiale.
Protokoll: Jenni Winterhagen, Dirk Jordan, Katrin Langenbein
Mi, 16 Mai 2012 11:31:48 +0200
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Di, 15 Mai 2012 10:23:58 +0200
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Di, 08 Mai 2012 19:25:38 +0200
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