Unser Positionspapier zur Kritik an der Neugestaltung des Weigandufers

Das Neuköllner Weigandufer wird derzeit barrierefrei und ökologisch nachhaltig umgebaut. Die Grüne Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln begrüßt die aktuelle Diskussion um die Neugestaltung, die erneute Einbindung des Beteiligungsgremiums und deren detaillierte Vorschläge.

Wir sind überzeugt, dass die nun vorliegende, überarbeitete Planung gut geworden ist, auch weil aus der Stadtgesellschaft zahlreiche konstruktive Anregungen eingebracht wurden, die im Überarbeitungsprozess teilweise berücksichtigt worden sind. Die aktuelle Planung berücksichtigt nun eine multifunktionale Nutzung, ökologische Belange und die Grünen Handlungskonzepte „Schwammstadt“ (lokale Wasserversickerung) und die der „Essbaren Stadt“.

Die Grüne Fraktion wird sich auch in Zukunft dafür stark machen, dass Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft gemeinsam, konstruktiv diskutieren und so um die besten Lösungen für alle Neuköllner*innen ringen.

Als Grüne Fraktion nehmen wir die noch bestehenden Kritikpunkte ernst und möchten ihnen sachlich und fachlich fundiert begegnen. Wir möchten ebenso darstellen, warum wir die vorliegenden Pläne für die Neugestaltung des Weigandufers für eine ökologisch und sozial sinnvolle Verbesserung des Ist-Zustandes erachten:

Kritik #1: „Die Beseitigung aller Alt-Sträucher ist unnötig“

Die Vielfalt der Sträucher ist im aktuellen Bewuchs sehr eingeschränkt. Mit der Beseitigung der toten und alten Sträucher wird Raum für vielfältigen, ökologisch wertvollen Bewuchs geschaffen. Darüber hinaus haben auch alte Sträucher nur eine begrenzte Lebensdauer. Alte Gehölze tragen weniger oder gar keine Früchte und sind so als Nährgehölz weniger wertvoll für Vögel und Insekten. Im Zug der baulich geschaffenen Wege- und Versickerungsmulden ist ein Erhalt der noch nicht abgestorbenen Sträucher außerdem unmöglich, da diese massiv in ihrem Wurzelwerk geschädigt werden.

Kritik #2: „Es werden wertvolle Biotope beseitigt“

Stadtgrün ist von hohem ökologischem und klimatischem Wert. Bei dem vorhandenen Strauchaufwuchs am Weigandufer handelt es sich jedoch nicht um „besonders schützenswerte Biotope“ sondern um klassisches, ungepflegtes Straßenbegleitgrün auf überdüngten Standorten. Durch die vergangenen heißen und trockenen Sommer ist ein erheblicher Teil vollständig abgestorben oder stark geschädigt und wird in den kommenden Jahren absterben. Durch die geplanten 300 Neupflanzungen wird eine vielfältige, artenreiche Vegetationsstruktur geschaffen. Die neuen Sträucher werden in den kommenden Jahren wachsen und ihre klimatisch-ökologische Aufgabe besser als alte Gehölze erfüllen, da sie kompakter wachsen und insbesondere Vögeln besseren Schutz bieten. Durch die Neupflanzungen erhöht sich die Artenvielfalt, was wiederum neuen Lebensraum für Tiere und Insekten schafft.

Kritik #3: „Die geplanten Pflanzungen sind nicht ökologisch und bieten Insekten und Vögeln weniger (keinen) Lebensraum“

Durch die geplanten ca. 300 Neupflanzungen, einer Mischung von Gehölzen, Wiesen- und Staudenpflanzungen, entsteht eine größere Vielfalt als bei der aktuellen Bepflanzung. Das Nahrungsangebot wird für Vögel und Insekten breiter und der neugestaltete Lebensraum bietet Platz für eine größere Artenvielfalt, insbesondere bei Insekten. Ausgewählt wurden insektenfreundliche Sträucher und (Vogel-)Nährgehölze. Außerdem tragen die Neubepflanzungen auch zum grünen Konzept der „Essbaren Stadt“ bei, da u.a. Johannisbeersträucher gepflanzt werden.

Kritik #4: „Es wird viel weniger nachgepflanzt als beseitigt“

Das ist richtig und wurde von Anwohner*innen und der Polizei gefordert, um für die Nutzer*innen des Uferweges Sichtbeziehungen herzustellen und Straßenquerungen sicherer zu ermöglichen, wobei berücksichtigt werden muss, dass insbesondere kleinere Menschen und Kinder einen größeren Sichtbereich benötigen, weil sie nicht über Sträucher hinwegschauen können. Die neuen Gehölze werden wachsen und größer werden, deswegen brauchen sie bei der Pflanzung Abstand zueinander. Unter den Bäumen gibt es zudem bewusst keine Neuanpflanzungen, da die Sträucher wegen des geringeren Lichteinfalls dort nur geringe Entwicklungschancen hätten. Außerdem entstehen an den unbepflanzten Stellen dringend benötigte Fahrradstellplätze. Eine Verlegung der Fahrradstellplätze auf die Häuserseite wäre ungeeignet, denn die Fahrradstellplätze an der Uferseite bieten unter anderem die gewünschten Sichtbeziehungen und die erforderliche Übersichtlichkeit für die Straßenquerung für alle Altersgruppen und alle Körpergrößen.

Kritik #5: „Das Weigandufer wird „betoniert“. Es könnten andere Wegebeläge als Kleinpflaster und Platten verwendet werden“

Die starke Zerstörung des bisherigen Uferweges liegt unter anderem an der Beanspruchung durch Radfahrende. Eine Nutzung für Fußgänger*innen ist an und nach Regentagen wegen großer Pfützen und Nassstellen nicht problemlos möglich. Kleinpflaster und Platten lassen Wasser durch und sorgen für eine größere Versickerung, weil die Verdunstung behindert wird. So steht den Pflanzen in der Umgebung mehr Wasser zur Verfügung, was sich ökologisch und klimatisch positiv auswirkt. Durch eine stabile Befestigung bleiben die Wege außerdem länger in gutem Zustand und sind auch mit Rollstuhl und Kinderwagen leichter nutzbar.

Kritik #6: „Durch die Pflasterung geht die letzte Joggingstrecke ohne Beton verloren“

Die Planung und Gestaltung des öffentlichen Raums ist immer ein Abwägen von unterschiedlichen Bedürfnissen und Nutzungen und soll im Idealfall eine multifunktionale Nutzung durch viele Nutzer*innengruppen ermöglichen. Der aktuelle Zustand der Wege verhindert in Regenphasen die Nutzung durch Jogger*innen insbesondere im Frühjahr und Herbst, da sich in der stark beanspruchten Wegedecke große Pfützen und Schlammlöcher bilden.

Kritik #7: „Die Bänke aus Beton sind hässlich“

Mit den Bänken wird das Bezirksamt dem Wunsch der Anwohner*innen gerecht. Die Auswahl des Bankmaterials ist unter anderem der bedauerlichen Zerstörungswut bisheriger Holzbänke geschuldet. Holzbänke haben geringe Überlebenschancen oder werden immer wieder gestohlen. Schön gestaltete Mosaikbänke z.B. im Park am Buschkrug wurden bis auf die Stahlarmierung zerschlagen und zerstört.  

Kritik #8: „Es könnten schmalere Wege geplant werden“

Es gab und gibt massive Konflikte durch die parallele (verbotene) Nutzung durch Radfahrer*innen und Fußgänger*innen. Durch breitere Wege wird dieses Konfliktpotenzial entschärft. Im Zuge einer grünen Mobilitätswende unterstützen wir eine fußgänger*innen und fahrradfreundliche Lösung. Der Oberflächenabfluss der breiteren Wege, der in die Versickerungsmulde läuft, führt zu besseren Bodenwasserverhältnissen und einer besseren Wasserversorgung für die Pflanzen, weil die Teilversiegelung die Verdunstung aus dem Boden reduziert.

Kritik #9: „Die Versickerungsmulde ist überflüssig“

Der vorhandene Boden ist stark verdichtet und humushaltig. In solchen Böden kann Wasser schlecht versickern. Bei starkem Regen würde Wasser oberflächlich in die Straßenkanalisation oder direkt in den Kanal fließen. Dieser Abfluss in den Kanal führt zu erheblichen Nährstoffeinträgen welche die ohnehin schlechte Wasserqualität des Gewässers weiter senken würden. Aus diesem Grund sind Versickerungsmulden in den Planungsvorgaben des Senats fester Bestandteil. Sie unterstützen das Grüne Konzept der „Schwammstadt“ hervorragend, also eine Stadt, die Wassermassen wie ein Schwamm aufnimmt und verzögert wieder abgibt. Eine Versickerungsmulde ermöglicht in Trockenzeiten auch einfaches Bewässern, weil nur an einer Stelle Wasser eingeleitet werden muss, das sich dann von selbst verteilt. Dies spart erhebliche Kosten bei einer künstlichen Bewässerung.

Kritik #10: „Die Versickerungsmulde soll als Ausgleich mit Sträuchern oder Bäumen bepflanzt werden“

Eine Versickerungsmulde sollte ausschließlich mit Wiesenansaat oder flachwurzelnden Stauden bepflanzt werden. Die Wurzeln der Pflanzen wachsen und sterben natürlicherweise ständig. Dadurch wird Humus im Boden angereichert. Diese feinen organischen Partikel verstopfen nach und nach die Bodenporen und reduzieren die Versickerungsleistung. Tieferwurzelnde Pflanzen würden die Versickerungsleistung innerhalb weniger Jahre stark reduzieren. Die Mulde würde ihre Wirkung verlieren, die Arbeit wäre kostenpflichtig und nutzlos.

Kritik #11: „Müll und Hundekot liegt so oder so herum“

Das ist kein Argument gegen die Planung, sondern zeigt, wie wichtig es ist einerseits ausreichende Angebote an Mülleimern bereitzustellen und andererseits für deren Nutzung zu werben.

Kritik #12: „Der Ort ist kein extrem kriminalitätsbelasteter Ort und muss deshalb nicht umgestaltet werden“

Die Polizeistatistik weist das Weigandufer nicht als einen überdurchschnittlich kriminalitätsbelasteten Ort aus. Dies ändert jedoch nichts am Umstand, dass Anwohner*innen im Rahmen der Begehung 2015 geäußert haben, dass der Bereich auf Grund der fehlenden Einsehbarkeit des derzeitigen Weges und seiner schlechten Beleuchtung, für sie ein Angstraum darstellt. Die Umgestaltung soll dieses Angstpotential nehmen und die Nutzung durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen ermöglichen.  

Kritik #13: „Umgestaltungen, die das Weigandufer aufwerten, fördern die Gentrifizierung“

Gentrifizierung ist leider Neuköllner Realität. Die Mietentwicklung und Immobilienverkäufe im gesamten Neuköllner Norden beweisen das. Eine solche Entwicklung zeigt sich unabhängig von den in einigen Kiezen durchgeführten Wohnumfeldmaßnahmen, wie Baumscheibenbepflanzungen oder Hundekotbeseitigung. Untätigkeit und Vermüllung des Weigandufers sind keine Option im Kampf gegen Gentrifizierung und keine Lösung für eine multifunktionale, nachbarschaftliche Nutzung des Uferbereichs für die Anwohner*innen. Wir brauchen stattdessen eine soziale und nachhaltige Stadtentwicklung für die wir weiterhin in der Bezirksverordnetenversammlung kämpfen.

Kritik #14: „Es gab keine ausreichende Bürger*innenbeteiligung.“

Bürger*innenbeteiligung ist richtig und wichtig, denn eine bezirkliche Planung für die Menschen vor Ort setzt voraus, dass diese ihre Interessen und Meinungen einbringen. Im Rahmen der Planung zur Neugestaltung des Weigandufers wurden verschiedene Vertreter*innen aus der Zivilgesellschaft angehört und versucht, deren Interessen möglichst konfliktarm miteinander zu verbinden. In solchen Abwägungsprozessen muss darüber hinaus berücksichtigt werden, dass der wichtige, aktive und „sprechende Teil“ der Bürger*innenschaft nicht der einzige Teil ist, dessen Interessen berücksichtigt werden soll und darf. Im Rahmen der neuen Leitlinien für Bürger*innenbeteiligung, die auf Grundlage eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung auch in Neukölln umgesetzt werden sollen (Drucksache 1070/XX), muss die Beteiligung zukünftig noch nachhaltiger geregelt werden. Dazu ist es wichtig, dass die Beteiligungsgremien einen klar definierten Arbeitsauftrag und eine entsprechende Geschäftsordnung erhalten.