Die Angst war ein ständiger Begleiter

Campus-Verlag, Frankfurt/New York, 2012, ISBN 978-3-593-39802-0

Die Veranstaltung am 05. Juni 2013 im DGB-Haus war nicht öffentlich beworben worden, Einladungen wurden nur an Mitglieder ausgewählter Zielgruppen wie z.B. Gewerkschafts-Vertrauensleute oder Bündnisse gegen Rechts als persönliche E-Mails versandt. Und das aus gutem Grund: Der Inhalt dieser Buchpräsentation plus Filmvorführung war von einer solchen Brisanz, dass eine öffentliche Bewerbung die Sicherheit der Veranstalter_innen und Besucher_innen hätte gefährden können. Es ging um die jahrelangen Recherchen eines Journalisten mit dem Pseudonym Thomas Kuban, der in der rechtsextremen Musikszene recherchiert und hierzu ein Buch mit dem Titel "Blut muss fließen" verfasst hatte. Der Autor stand nach der Vorführung des gleichnamigen Dokumentarfilms von Peter Ohlendorf für Fragen und Diskussionsbeiträge zur Verfügung – nicht persönlich, sondern per Telefon, aus Sicherheitsgründen, schließlich hatte er im Laufe der Jahre schon etliche Morddrohungen aus der rechtsextremen Szene erhalten.

Die Heimatseiten im Weltnetz

Man stelle sich vor: ein Journalist bekommt im Jahr 1997 mit, dass in seiner Wohnsiedlung eine neonazistische Skinhead-Party stattfindet. Dies weckt sein Interesse und er beginnt, sich über diese Szene zu informieren. Zunächst bedient er sich für seine Recherchen der damals üblichen 'Nationalen Info-Telefone', wobei es sich um Anrufbeantworter handelte, die mit Nachrichten für die rechtsradikale Szene besprochen waren. Diese Info-Telefone wurden jedoch zunehmend durch Internet-Foren auf den entsprechenden 'Heimatseiten' im 'Weltnetz' (Wortschöpfungen im Jargon der Szene) abgelöst.

Thomas Kuban beteiligte sich rege an diversen Foren und führte hierfür bis zu 40 unterschiedliche Identitäten gleichzeitig, durch die er mit zahlreichen Szenemitgliedern Kontakte pflegte. Er verfügte über Legenden als männliche oder weibliche Szenemitglieder oder -sympathisant_innen, als Einsteiger_innen oder ältere erfahrenere Skinhead-'Veteranen'. Hierdurch erwarb er sich zunächst 'Grundlagenwissen' als vermeintlicher Insider und wurde mit aktuellen Informationen zu einer bunten bzw. eher braunen Vielfalt von Nazi-Musikveranstaltungen versorgt. Der nächste Schritt, der ungleich riskanter war als die Internet-Recherche, war die leibhaftige Teilnahme an diesen
Konzerten, als Nazi verkleidet, und das heimliche Erstellen von Filmaufnahmen.

Der GAU vom 04. Oktober 2003

Für das Spiegel-TV-Magazin gelang es Thomas Kuban am 04. Oktober 2003, bei einem internationalen Konzert deutscher Neonazis im Elsass heimlich einen Filmbeitrag anzufertigen, der im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Mit gewisser Genugtuung, was – insbesondere angesichts der Tatsache, dass ihm im Vorfeld die Veröffentlichung seiner Rechercheergebnisse nicht eben leicht gemacht worden war – sehr gut nachvollziehbar ist, schildert der Autor in seinem Buch die darauf folgenden entsetzten Reaktionen in den einschlägigen Internet-Foren in dem Tenor "Die Wichser waren tatsächlich drin mit versteckter Kamera und haben gefilmt! Das gibt es doch gar nicht!"

Für die Szene war es eine Katastrophe, ein GAU, zu bemerken, dass sich die Pressefreiheit eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates
selbst aus ihren konspira
tiv-geschützen
und vermeintlich
rechtsfreien Räumen nicht ausschließen lässt. Und dass
 es couragierte Berichterstatter_innen
gibt, die unter Lebensgefahr aufdecken, welche menschenverachtenden Inhalte bei Veranstaltungen wie diesen als Liedertexte propagiert werden. Der Bezug auf die Lebensgefahr ist hierbei keinesfalls übertrieben, wenn man sich vorzustellen versucht, was geschehen wäre, wenn der Autor, mit seiner Mini-Kamera im Knopfloch seines schwarzen Lonsdale-Polohemdes in Gegenwart von Hunderten potenziell gewaltbereiten Nazis in aufgeheizter Stimmung entlarvt worden wäre.

Gewalt rockt bis in die Mitte der Gesellschaft

Kuban dokumentierte und berichtete nicht nur, sondern fragte auch nach Hintergründen und notwendigen Konsequenzen. Daher erstreckten sich seine Recherchen im Zusammenhang mit diesem Projekt nicht nur auf Nazi-Musikveranstaltungen unterschiedlichster Art, er nahm auch an einer Pressekonferenz im Zusammenhang mit der Vorstellung des bayerischen Verfassungsschutzberichtes von 2006 teil. Er forderte eine Antwort auf seine Fragen, warum trotz eindeutig strafbarer Handlungen wie Durchführung des Hitler-Grußes und Absingen Gewalt verherrlichender Lieder zahlreiche Veranstaltungen der Nazis in Bayern ungestört bis zum Ende durchgeführt werden konnten. Die Antworten des Innenministers und des anwesenden Verfassungsschützers waren ausweichend, in sich unschlüssig und vermittelten den Eindruck der Hilflosigkeit. Oder der Gleichgültigkeit? Von einer Veranstaltung in Oberösterreich im Dezember 2006 berichtet Kuban sogar, anwesende Polizeibeamte in Uniform hätten sich von einigen der Nazi-Veranstalter per Handschlag und mit einem Schulterklopfen verabschiedet, woraufhin die Nazis feucht-fröhlich weiter feierten und sangen.

Wo man singt, da lass Dich nieder

Dass böse Menschen keine Lieder hätten, dürfte spätestens seit dem schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 widerlegt sein. Musik, das heißt Klänge und Texte, haben eine tiefe Wirkung auf die menschliche Seele und setzen Gefühle frei, zumeist im positiven Sinne. Unter bestimmten Umständen jedoch können Klänge und Gesänge auch als Hilfsmittel dazu missbraucht werden, eine menschenverachtende Weltsicht bei jungen Menschen zu verankern, die – wiederum im schlimmsten Falle – zu Hass und Gewalttätigkeit führt. Dies wissen die Nazi-Akteur_innen sehr genau, nicht umsonst gilt das Verteilen kostenloser CDs mit Rechtsrock auf Schulhöfen als eines der wirksamsten Werbemittel zur Rekrutierung von Nachwuchs.

Es ist sehr zu hoffen, dass mittlerweile – spätestens seit der Aufdeckung der NSU-Morde – das Bewusstsein für die Gefahr, die von rechtsextremistischem Gedankengut ausgeht, deutlich angestiegen ist. Rechtsterrorismus ist existent und Gewalt verherrlichende Texte rechten 'Liedgutes' stacheln zu rechtsterroristischen Verbrechen an. Thomas Kuban hat mit seinem mutigen Projekt dazu beigetragen, das Übel an der Wurzel zu packen.

Susanne Lippert-Gulich

Der Artikel erschien im Neuköllner Stachel Nr. 178, Ausgabe 2013/III. Die gesamte Ausgabe kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.