Bildungsarmut ist unsexy

Wolfgang Ewert, Grüner Direktkandidat im Wahlkreis 5, erklärt in unserer Bezirkszeitung, wie Bildung und Armut zusammenhängen, warum in Neukölln besonders Kinder von Armut betroffen sind und was wir dagegen tun können.

Bildung und Armut – beides hängt in Berlin stark voneinander ab. Jedes dritte Kind gilt hier als arm und hat somit deutlich schlechtere Bildungschancen. Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen, um Bildung für alle zu ermöglichen.

In Neukölln ist Kinderarmut sehr weit verbreitet. So lebt die Hälfte aller Kinder hier in Familien, die staatliche Unterstützung beziehen. Wie sieht die Lebensrealität dieser Kinder aus? Oft haben sie nur ein Elternteil oder viele Geschwister. Armut führt zu schlechter Ernährung und häufigen Krankheiten. Und wer sich sozial und kulturell kaum an unserer Gesellschaft beteiligen kann, hat auch geringere Bildungschancen. So verfe-stigen sich die Unterschiede zwischen Arm und Reich.

Wir Grüne fordern die Beseitigung der Ursachen der Armut. Die Menschen benötigen Arbeit und viele, die schon in der zweiten Generation arbeitslos sind, wirkliche Hilfe zur Arbeit. Dazu kann auch der öffentliche Dienst beitragen, denn im Interesse aller muss hier der Stellenabbau nicht nur gestoppt, sondern umgekehrt werden. Auch bei freien Trägern und Privatwirtschaft müssen – auch durch staatliche Maßnahmen – Stellen geschaffen werden. Wir wollen ein Netzwerk gegen Kinderarmut, das beteiligte Behörden, Verbände und Vereine vernetzt und so für Hilfe aus einer Hand für Familien und speziell Kinder sorgt.

Begegnungsräume statt Sanierungsfälle

Jahrzehntelang ließen SPD-CDU-Regierungen in Berlin und auch Neuköllner SPD-Schulstadträt*innen öffentliche Gebäude verrotten und schufen so allein für Neukölln einen Schulsanierungsbedarf von 452 Mio € – eine Zahl, die sich wohl noch deutlich erhöhen wird. Und ausgerechnet SPD und CDU tun nun so, als wollten sie nach den Wahlen dieses Problem massiv angehen.

Hier werden wir Grüne sie beim Wort nehmen und auf eine zügige Umsetzung der Versprechen dringen. Wir wollen Verantwortlichkeiten bündeln, um Schulen, Sporthallen und andere öffentliche Gebäude so zu sanieren, dass dort Lernen und Sport wieder Spaß machen und Kin-der, Jugendliche, Lehrer*innen und Anwohner*innen ihre Einrichtungen als Begegnungsräume erfahren und nicht als Sanierungsfälle.

Eine Schule für alle

Vor sechs Jahren wurden in Berlin Haupt-, Real- und Gesamtschulen zur Integrierten Sekundarschule (ISS) zusammengefasst, doch dies heißt nicht, dass hier die Spaltung in Arm und Reich überwunden ist. Die neuen "Rest"-Schulen sind die ISS ohne gymnasiale Oberstufe, die nicht zum Abitur führen. Hier sammeln sich häufig die Schüler*innen, die früher zur Hauptschule gegangen wären, aber die Klassenstärke an der ISS ist höher als an der alten Hauptschule. Haben Kinder aus armen Elternhäusern schon in der Grundschule geringere Chancen, weil sie kaum von Hilfen der Eltern profitieren können, werden sie nun auch in der Oberschule abgehängt.

Um Kindern bessere Chancen auf Bildung zu bieten, fordern wir längerfristig eine Schule für alle. Die als Modell in Berlin existierenden Gemeinschaftsschulen geben uns recht mit ihren besseren Lernerfolgen, die wissenschaftlich nachgewiesen sind: Längeres gemeinsames Lernen verbessert die Chancen für alle. Die besser Lernenden werden nicht gebremst, wie Kritiker*innen behaupten, sondern erreichen Ergebnisse wie am Gymnasium.

Auch gut ausgestattete Ganztagsschulen tragen dazu bei, dass Kinder und Jugendliche versorgt werden und nach der Schule sinnvolle Freizeitgestaltung und ergänzende schulische Angebote erhalten. Ein Mittagessen aus gesunden Lebensmitteln der Region sollten alle Kinder in der Schule erhalten und dies möglichst kostenlos, denn auch hier zeigt sich die Trennung in Arm und Reich, wer in der Schule essen kann und wer nicht.

Neukölln braucht neue Schulen

Ganze Schüler*innen-, Eltern- und Lehrer*innengenerationen des Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums in Buckow und der Clay-Schule in Ru-dow warten auf die seit 1990 versprochenen Neubauten ihrer Schulen. Die alten Gebäude wurden damals wegen Asbest stillgelegt, die Schulen zogen in Containerdörfer um, die angeblich schon Mitte der 1990er durch Neubauten ersetzt werden sollten.

Mit dem Bau begonnen wurde bis heute nicht, aber wieder gibt es vollmundige Versprechungen der Neu-köllner SPD – zuständig für das Bürgermeisteramt, für Schulen, Finanzen und Bau. 2019 bzw. 2022 seien die beiden Schulen fertig, heißt es über diese Vorhaben, die sich nahtlos in die Berliner Baupolitik der Pleiten, Pech und Pannen einfügen.

Wer Kinderarmut beseitigen und bessere Bildung für alle schaffen möchte, muss bereit sein, dies zu finanzieren. Das muss nicht weitere Verschuldung Berlins bedeuten, aber einen sinnvollen und koordinierten Einsatz unserer Ressourcen. Lassen Sie uns dies anpacken!

Wolfgang Ewert ist Lehrer für Politik, Deutsch und Ethik und Bürgerdeputierter im Neuköllner Sportausschuss. Seine Schwerpunktthemen sind Bildung und Sport. Er tritt an für den Wahlkreis 5.

 

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